Domino/Forschen und Lernen – wo nehme ich mein Wissen her?

F   o   r   s   c   h   e   n        u   n   d        L   e   r   n   e   n

Ich bin in einem kleinen Dorf groß geworden und weiß heute, dass das nicht nur bedeutet, geduldig auf den Schulbus warten zu müssen. Es bedeutet auch, sich als Kind seiner Neugierde hingeben zu können und dabei ganz nebenbei zu lernen. Die Baumarten, die wir in Heimat- und Sachkunde auswendig lernen sollten, waren für mich ein alter Hut, da ich zu dem Zeitpunkt schon mein zweites Baumhaus um den festen Stamm einer Buche gezimmert hatte. Als uns unser Physiklehrer die Hebelgesetze erklärte, habe ich theoretisch verstanden, was ich fünf Jahre früher schon an einem selbstgebauten Katapult festgestellt hatte: der Stein fliegt weiter, wenn der Arm des Katapults länger ist. Durch die Entfernung zur Stadt habe ich gelernt, weit voraus zu planen, Aufgaben zusammenzufassen und nach Priorität zu sortieren, um möglichst selten zum Bus laufen zu müssen. Der fährt nämlich zur im Fahrplan festgelegten Zeit und nicht ein paar Minuten später. Wer da nicht pünktlich ist wird zumindest geduldig.

Den kleinen notwendigen Rest an Wissen, den es zum Leben noch braucht, haben mir dann einige sehr gute Lehrer vermitteln können. Aber natürlich hört das Lernen mit der Kindheit nicht auf, nur weil man plötzlich keine Katapulte und Baumhäuser mehr baut. Man beginnt andere Dinge zu lernen, die gelernten Dinge anders zu betrachten und andere Werte im Gelernten zu sehen. Die Neugierde verlagert sich, sie wird überlegter, gezielter und bekommt Gegenspieler, wie die Vernunft oder die Angst. Man stellt fest, dass man das Gelernte sinnvoll einsetzen kann und Wissen Vorteile bietet. Und man lernt, scientia potentia est, und dass Bacon nicht zwangsläufig Bauchfleisch vom Schwein sein muss. Man lernt, dass es das Wissen pauschal eigentlich gar nicht gibt und jeder selbst bestimmt, wem oder was er Glauben schenken möchte. Sodass letztlich jeder Recht hat in seinem Wertesystem.

Forschung bedeutet für mich nicht, sicherheitsbebrillt Chemikalien in Reagenzgläsern zu vermengen, wie Google mir das weismachen möchte. Forschung bedeutet für mich, neugierig zu sein, wissbegierig und leidenschaftlich die Antwort auf eine Frage zu suchen, die noch keiner beantwortet, vielleicht noch nicht einmal gestellt hat. Dazu muss man die Sicherheitsbrille symbolisch abnehmen und das Risiko in Kauf nehmen, dass die Antwort eine andere sein könnte, als jene, die man erwartet. Kinder tragen keine Sicherheitsbrillen und sind vermutlich die besten Forscher überhaupt.

Eine Gesellschaft definiert selbst, was sie als Wissen betrachtet und was nicht, welche Quellen Wissen schaffen und welche Verwirrung. Auf welche Weise Wissen geschaffen werden darf und auch, wie nicht. Eine Gesellschaft bestimmt selbst, wer Zugang zu diesem Wissen erhält und wer nicht. Wir haben gelernt, dass es nicht nur wichtig ist zu wissen, sondern noch wichtiger, Wissen filtern zu können und für sich verwendbar zu machen. Das Wichtigste aber haben wir bereits als Kind gelernt, wir mögen es vielleicht nur wieder vergessen haben. Das Wichtigste ist die Neugierde. Sie lässt uns physikalische Gesetze und Baumarten lernen, ohne, dass wir es merken und mehr muss man vielleicht nun wirklich nicht wissen.

 

Fotografie: Dennis Stock, USA, 1969, Iowa Fair