Domino/Unternehmen – Eine Frage des Standpunkts

Unternehmen – Eine Frage des Standpunkts.

Zu meiner Tätigkeit gehören die unterschiedlichsten Aufgaben. Grob gliedern lässt sich die Beschäftigung in organisatorische und praktische Arbeit. Zu den organisatorischen Aufgaben zählt die eigenständige Verwaltung des Budgets, Abrechnungen, Buchhaltung und das Erstellen des Businessplans. Anträge auf staatliche Förderung müssen eingereicht, Teilnahmen an Wettbewerben vorbereitet werden. Ferner ist ein guter Überblick über die Betriebsabläufe, sowie über Auftragseingänge nötig. Eine weitere Aufgabe ist das Personal-Management. Der Umgang und das Anleiten der Mitarbeiter, insbesondere der Lehrlinge, stellt eine besondere und verantwortungsvolle Herausforderung innerhalb der Tätigkeit dar. Die Aufgaben der Lehrlinge müssen stets an deren Könnensstand angepasst werden. Die Lehrlinge sollen ihr Geschick voll einsetzen,  es ist deshalb darauf zu achten, dass sie nicht unterfordert werden. Überforderung zu vermeiden ist jedoch noch dringlicher, da dies schnell zu Frustration und Unmut führt. Geduldig müssen sie ins Unternehmen eingeführt und integriert werden. Pädagogisches Geschick, sowie ein hohes Maß an Selbstdisziplin sind in meiner Rolle als deren Anleiter notwendig. Um dieser anspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden sind regelmäßig Reflektion und Fortbildung nötig. Die Auszahlung der Gehälter gehört ebenso, wie Gespräche über Lohnerhöhung und Zielvereinbarung, zu meinen Aufgaben.

Hinzu kommt der praktische Teil der Arbeit, die fristgerechte Umsetzung der Aufträge. Die dazugehörenden Vor- und Nachbereitungen nehmen ebenfalls einen erheblichen Teil der Zeit in Anspruch. Nicht zuletzt obliegt mir die Reinigung der Betriebsstätte. Diese Aufgabe kann von mir auch extern vergeben werden, sofern es mir gelingt mit dem Budget erfolgreich zu wirtschaften, dass dies finanziert werden kann. Im Regelfall führen diese Anforderungen zu deutlich mehr als 40 Wochenstunden. Die Einhaltung der Fristen erfolgt zu Lasten der Arbeitsbedingungen.

Für meine Tätigkeit gelten keine Arbeitsschutzrechte, Teil- und Gleitzeit werden nicht genehmigt. Es werden unzählige Überstunden gemacht die kaum je abgefeiert werden können. Der Betrieb muss permanent fortgeführt werden, selbst wenn die körperliche Verfassung stark beeinträchtigt ist. Dies bedeutet vollwertige Krankentage in Anspruch zu nehmen gelingt nur selten. Die Einhaltung von Ruhezeiten und gesetzlichen Pausen kann bei ausgezeichnetem Management gelingen. Häufig jedoch steht den auszuführenden Aufträgen nicht ausreichend Arbeitskraft gegenüber, so dass in Anbetracht der zur Verfügung stehenden Ressourcen an Zeit und möglicher Arbeitsleistung, Überstunden unvermeidbar sind und sogar vor Sonn- und Feiertagsarbeit kein Halt gemacht werden kann. Entgegen aller gesetzlichen Regelungen gibt es hierfür, ebenso wie für Nachtschichten, keine Sonderzulagen oder Lohnzuschläge. Insgesamt bleibt zu bedauern, dass der gesetzliche Mindestlohn in diesem Sektor nicht eingehalten wird.

Ein Einblick in den Arbeitsalltag:
An Werktagen nimmt um 5.30h der Betrieb seine Arbeit auf. Die durch mich betreuten Lehrlinge kommen zwischen 6.00h und 6.30h in den Betrieb. Zu aller erst muss deren Arbeitskleidung kontrolliert werden, da die Kleiderordnung nicht immer eingehalten wird.
Zunächst wird der Tagesablauf abgesprochen und ein Zeitplan festgelegt. Die Prioritäten der zu verrichtenden Tätigkeiten werden geprüft. Oftmals können nicht alle anstehenden Arbeiten ausgeführt werden, so dass ein Abwägen meinerseits über deren Dringlichkeit nötig ist. Sind alle Arbeitsmittel sowie Materialien herausgesucht und ist die Arbeitsverteilung erfolgt, kann eine  Frühstückspause gehalten werden. In der kommenden Arbeitsphase kann ich konzentriert meiner Tätigkeit nachgehen. Die Lehrlinge besuchen zu dieser Zeit die Berufsschule. Die Mittagspause wird in der Regel individuell gestaltet. Im besten Fall kommen die Mitarbeiter zum Essen in der Kantine zusammen. Dies gelingt jedoch lediglich an maximal zwei Tagen pro Woche. In vielen Wochen gelingt es gar nicht. An manchen Tagen ist die Einhaltung der Pausenzeiten absolut nicht möglich.
In der zweiten Tageshälfte ist die Gestaltung der Arbeitszeit unterschiedlich. Es gibt feste Termine an den unterschiedlichen Werktagen die regelmäßig wöchentlich, monatlich oder quartalsweise stattfinden. Andere Termine kommen kurzfristig zu den bestehenden hinzu. Oft haben diese eine hohe Dringlichkeit und müssen zwingend in den Tagesplan aufgenommen werden, obwohl sie das Zeit- und Ausgabenbudget zusätzlich strapazieren. An den Nachmittagen arbeite ich in der Regel gemeinsam mit den Lehrlingen. Ich leite sie bei ihren Arbeitsaufträgen an, weise sie in Techniken und Methoden ein. Das gemeinsame Arbeiten mit den Lehrlingen ist meistens heiter. Die Arbeit kann jedoch zunehmend langwierig und zäh sein, wenn die Lehrlinge keine Lust haben oder sich keinerlei Mühe geben. Manchmal sind sie zu müde um zu Arbeiten. Trotz dem Wissen darum, muss die Arbeit fristgerecht erledigt werden. Dann sind motivierender Zuspruch und Ermunterung gefragt. Immer wieder sind auch Krisengespräche erforderlich. Es entstehen Konflikte unter den Lehrlingen die geschlichtet werden wollen. In einem transparenten Prozess erhalten die Lehrlinge Einblicke in die Unternehmensverwaltung.

Am Ende des Arbeitstages räumen die Lehrlinge ihre Werkzeuge auf. Sie sind angehalten ihren Arbeitsplatz sauber zu hinterlassen und die wichtigsten Dinge für den kommenden Arbeitstag vorzubereiten. Wenn die Lehrlinge den Betrieb verlassen, bleiben für mich zahlreiche Arbeitsschritte zu erledigen. Die Ergebnisse sind auf Sorgfalt zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Danach werden die Aufträge mit hoher Dringlichkeit abgeschlossen.
Für den Betriebsschluss liegt keine feste Zeitregelung vor, gearbeitet wird so lange als nötig, oftmals bis in die späten Abendstunden.

Wie wirkt diese Tätigkeitsbeschreibung auf Sie? Erstrebenswert? Halten Sie die Person für unternehmerisch tätig? Worin besteht meine „Unternehmung“?
Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Aufgaben und der Tagesablauf einer Alleinerziehenden mit zwei Kindern im Schulalter.

Die Lehrlinge sind die Kinder, das Budget ist das monatliche ‚Einkommen‘, die Betriebsstätte ist die Wohnung, Alle Aufgaben sind die alltäglichen Aufgaben und Verantwortungen in einer für diesen Bereich ungewöhnlichen Wortwahl formuliert.
Mit meinen Ausführungen möchte ich darauf aufmerksam machen, dass die Faktoren der Wahrnehmung von Unternehmen letztlich ein von unserer Gesellschaft geformtes Korsett sind. Mit einer Veränderung unsere persönlichen Betrachtungsweise nehmen wir direkten Einfluss darauf.
Die Wirkung allein der Wortwahl auf unsere Wahrnehmung verdeutlicht dies. Anhand dieses Beispiels lässt sich ablesen wie sehr es auf unsere Perspektive ankommt wie wir ein Unternehmen wahrnehmen. Empfindungsgemäß klingt „eigenverantwortliche Budgetverwaltung“ nach sehr viel mehr Arbeit, als die Formulierung „mit dem Haushaltsgeld sinnvoll umzugehen“. Dennoch gibt es praktisch keinen Unterschied zwischen beiden Aufgaben.
Die Anerkennung welche sich hinter den Begriffen verbirgt ist zudem äußerst verschieden, sowohl die ideelle als auch die materielle. Es stehen sich Ausdrücke und deren Bewertung wie Geschäftsmann und Hausfrau knallhart gegenüber, der eine mit Respekt belegt, der andere mit Geringschätzung behaftet. Kindergeld und Kinderfreibeträge, insofern sie überhaupt geltend gemacht werden können, konkurrieren mit Managergehältern.

Beide, das Unternehmen im sozial, ehrenamtlichen Bereich, wie das Unternehmen im wirtschaftlichen Sinn, sind gemeinsame Träger unserer Gesellschaft. Die enge Verbindung ja sogar die Abhängigkeit voneinander sind spürbar.
Die allgemeine Bewertung, Anerkennung, auch im Sinne von Entlohnung, liegen jedoch in maximaler Entfernung zueinander. Hier sind Änderungen nicht nur erstrebenswert, sondern auch notwendig. Die Bereitschaft zu ehrenamtlicher und gemeinnütziger Arbeit, wie Erziehung und Pflege, müssen ebenso anerkannt sein, wie die klassische Erwerbsarbeit. Gleichwertige Anerkennung von sozialem und wirtschaftlichen Unternehmen ist nötig. Unternehmerisches Tun kann ebenso trivial wie herausragend sein, immer wird es etwas bewirken.

Unternehmen ist die Bewegung der Gesellschaft. Wenn nichts unternommen wird passiert kein Fortschritt, keine Veränderung, keine Entwicklung. Nichts zu unternehmen bedeutet auf der Stelle stehen zu bleiben. Unternehmerisches Tun ist also eine Notwendigkeit um voran zu kommen. Der Begriff Unternehmen kann wenig freundlich wirken, die reine Wortbetrachtung vielleicht sogar gierig und finster. Die Verkehrung der Wortbestandteile „Unter-“ und „-nehmen“ bringt hingegen ein überaus positives Wortpaar hervor: das „Über-“ und „-geben“. Dieses Wortpaar klingt hell und freundlich, weil teilend und entgegenkommend. Unternehmen und Übergeben, sind bei genauerem Betrachten sehr viel stärker miteinander verknüpft als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Beinhaltet doch jede unternehmerische Handlung auch ein Übergeben. Die hinter dem unternehmerischen Tun stehende Motivation umfasst von Raffgier bis Herzensgüte wahrscheinlich jede mögliche Nuance. Doch auch die eigennützigste Geschäftsidee übergibt in ihrem Handeln ein Wirken auf die Gesellschaft. Es besteht also ein andauerndes Wechselspiel zwischen der Gesellschaft und ihren Unternehmen.

Ab wann von einem Unternehmen, gar von einem erfolgreichen Unternehmen, gesprochen wird, ist folglich eine gesellschaftliche Frage. Diese hängt unmittelbar von unserer Wertvorstellung, unserer Erziehung und persönlichen Prägung ab. Schließlich kommt es auch bei dieser Frage auf Geschick der Wortwahl an, welchen Wert wir einem Unternehmen beimessen.