Zeit

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Das Wesen der Zeit

Das Wesen der Zeit wird von jeder Kultur auf eine andere Art und Weise getragen und hinterlässt somit immer ihre eigenen zeitlichen Fingerabdrücke. Der kulturelle Kontext ist uns häufig nicht bewusst, jedoch sind Zeitordnungen essentielle Notwendigkeiten der Strukturierung unseres kollektiven Lebens, die ihren Ursprung noch in der Zeit von Jägern und Sammlern hatten, als es galt, Jagd, Aussat und Ernte sowie Rituale und Zeremonien zu koordinieren. Die Zeit kann somit laut dem Soziologen Werner Bergmann als Symbolische Sinnstruktur gelten, mit deren Hilfe unsere Welt erst verstanden und geordnet werden kann. Bestimmte Zeitordnungen sind in allen Organisationen und Kulturen zu finden und intensivieren unsere Nutzug der Zeit. Im Zuge der Globalisierung und der Modernisierung unserer Gesellschaft vermischte sich die verschiedenartige kulturelle Zeitvielfalt jedoch immer mehr zu einer gleichtaktigen, homogenen Masse, die in großem Maße von unserem Wirtschaftssystem diktiert wird.

Zeit sparen

Wir fühlen uns immer häufiger unter Zeitdruck, obwohl wir durch neuste Technologien Dinge immer schneller und effizienter erledigen und somit mehr Zeit für uns haben müssten. Dieses Empfinden setzt neben unseres Berufslebens auch das Privatleben zunehmend unter Druck. Zeit ist zu einem knappen Gut geworden, einem Wert, mit dem es möglichst sparsam und effizient zu wirtschaften gilt. Etliche Wirtschaftszweige gewinnen Zuwachs durch den Konsum von to go – Produkten (Coffee to go, Food to go, Drive in, Kapselkaffee für Zuhause) ohne sich überhaupt bewusst zu machen, welche Auswirkungen dieses Verhalten auf unsere Umwelt hat und welche zusätzlichen Berge an Müll dadurch entstehen. 320.000 Kaffeebecher landen nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe jede Stunde im Müll – und das nur deutschlandweit. Zu weiteren zeitsparenden Maßnahmen gehört ferner das Fahren mit Hochleistungsfahrzeugen, Kommunizieren über leistungsstarke Smartphones und Internet, Kochen mit Schnellkochtöpfen oder per Induktion und das Trocknen der Wäsche im Wäschetrockner (das in den USA knapp 10% des Stromverbrauchs ausmacht).

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Müllberg aus Coffee-to-go Bechern

 

Beschleunigungsdynamik

Die Industrialisierung hat längst natürliche Rhythmen überholt oder gar abgelöst. Das Streben nach maximaler Leistung in kürzester Zeit zeigt noch größere Auswirkungen auf den landwirtschaftlichen Sektor, wo sich Erzeuger häufig mit dem Gesetz des Wachsens oder Weichens konfrontiert sehen müssen – immer mehr Milch und Eier entstehen in immer kürzerer Zeit, Monokulturen breiten sich aus. Der Preis, den wir für eine solche Wirtschaftsweise zahlen ist hoch. Im Gegensatz zur Technik haben Tiere ihre biologischen Grenzen des Wachsens irgendwann erreicht, es werden immer mehr Tiere unter grausamsten Bedingungen gehalten und dadurch krank. Nur wenn wir uns den zerstörerischen Auswirkungen der Beschleunigungsdynamik, die wir über viele Jahre entwickelt haben, bewusst werden, können wir diesen Prozessen auch nachhaltig entgegenwirken und unser Umwelt mit mehr Achtsamkeit begegnen.

In Dokumentationen wie We feed the world – Essen global von Erwin Wagenhofer wird die Massentierhaltung im Zuge der globalen Vernetzung (immer mehr/immer schneller) und unser verschwenderischer Umgang mit Lebensmitteln kritisch beleuchtet, insbesondere kann hier auch die fragwürdige Position von meiner Meinung nach kriminellen Konzernen wie Nestlé betrachtet werden.

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Tomatengewächshäuser aus der Umgebung von Almeria, Spanien

 

Sicherlich kann Entschleunigung nicht in allen Bereichen unseres Lebens als Maß aller Dinge gelten – zumal bestimmte Prozesse eher Eile als Weile haben, wie die Gleichberechtigung der Geschlechter oder ein soziales Wirtschaften. Allerdings sind Gegenbewegungen wie beispielsweise slow food oder slow city, die sich zum Ziel gemacht haben, lebenswerte Städte zu schaffen, wichtig, um wieder mehr Transparenz zu schaffen, sich zu besinnen und einen Kontrollverlust unserer Lebensweise zu verhindern.

Sharing Economy

Auch Konzepte kollektiven Konsums, also sharing–Konzepte wie carsharing, foodsharing, booksharing, couchsurfing, airbnb oder mitfahrzentrale verhelfen zu einem sinnvolleren Wirtschaften und nachhaltigeren Umgang mit Nutzobjekten, um nicht in kürzester Zeit Ressourcen zu verwerten, die die Natur in Jahrtausenden geschöpft hat. Trotz des immer größer werdenden Wunsches, B-Waren von Lebensmitteln günstiger anzubieten, zu teilen oder zu verschenken, werden in Deutschland immernoch jährlich rund 20 Millionen Tonnen von Lebensmitteln weggeschmissen. Der Güterwohlstand im Sinne Adam Smiths müsste vielmehr durch einen Zeitwohlstand abgelöst werden, was eine Veränderung unseres alles verschlingenden Systems zufolge hätte.

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Foodsharing

Nachhaltiges Handeln

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise Bhutan, wo der Umweltschutz in der  Verfassung verankert ist und nachhaltiges und umsichtiges Denken von klein auf an die Kinder weitergegeben wird. Alle ökonomischen Interessen werden dem Umwelt- und Naturschutz untergeordnet, der Einsatz chemikalischer Dünger oder Brandrohdung sind verboten. Selbstverständlich kann man die wirtschaftliche Stellung Bhutans nicht mit der unseren vergleichen, jedoch könnte man sich einige Grundeinstellungen zu eigen machen und in gewissen Sachverhalten radikaler sein, um echte Nachhaltigkeit erst möglich zu machen und den Zeitwohlstand als Wert zu sehen.

 

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Bäuerinnen in Bhutan beim Pflanzen von Reissetzlingen

 

Nachhaltiges Handeln impliziert das Einlassen auf verschiedene Zyklen und Rhytmen von Dingen und versucht Natur Natur sein zu lassen. Das Konzept des Zeitwohlstands stellt einen immateriellen Wohlstand dar, ist mit der individuell erlebten Zeit verknüpft und hebt diese als besondere Ressource hervor, in dem die Qualität dieser erlebten Zeit im Vordergrund (mehr freie Zeit, Muße) steht.

Kurzlebigkeit zeigt sich nicht nur in vielen Produkten, sondern auch auf abstraktere Weise in den vorliegenden Abbildungen vom Fotografen Joern Vanhöfen. Fabriken werden je nach Effizienz- und Kostensenkungsfaktoren einfach umgesiedelt und stehen gelassen. „Die Gesellschaft ersetzt das Alte immer wieder durch neuere und effektivere Prozesse – ausschließlich mit dem Ziel der Maximierung von materiellen Bedürfnissen,“ so Vanhöfen.

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Carabanchel von Joern Varnhofen / Spuren menschlicher Hinterlassenschaft

 

Ökologie der Zeit

Im Tutzinger Projekt Ökologie der Zeit geht um die Suche nach rechten Zeitmaßen. Grundthese des Projektes ist, dass die ökologische (und somit gesellschaftliche) Krise, unseres Umgangs mit der Natur, dadurch mitverursacht wurde, dass der Zeitfaktor bisher nur unzureichend beachtet und einbezogen wurde. Die Zeitdimension hat für das Verständnis der Stellung des Menschen in der Natur und der von ihm geschaffenen Kultur (einschließlich Technik und Wirtschaft) eine zentrale Bedeutung.

Der erste Schritt und die Voraussetzung zum Nachhaltigen Handeln ist die Bewusstmachung des Funktionierens unseres gesellschaftlichen Beschleunigungsmotors und dessen Auswirkungen – nicht nur auf unsere Natur, sondern auch in Bezug auf unsere Gesellschaft, uns selbst. Und dafür brauchen wir neue Konzepte für einen anderen Umgang mit der Zeit, zum Wohle aller.

 

Quellen

http://www.make-sense.org/fileadmin/Daten-MS/projekte/Einfuehrung_Zeitoekologie.pdf

http://www.zeitpolitik.de/pdfs/zeit-glossar.pdf

 

Links

http://www.we-feed-the-world.at

http://www.fairplanet.org/story/foodsharing-essen-teilen-statt-wegwerfen/